Beitrag in der „Quintessenz“ auf WDR 2 über Schüleraustausch:

Schüleraustausch (High-School Year)

Informationen aus dem Beitrag von Claas Möller

"Es war das schönste Jahr in meinem Leben", sagen viele Schüler, wenn sie nach einem Jahr im Ausland zurück sind. Für einige allerdings wird das Auslandsjahr zum Horrortrip - oder fällt ganz aus: Dieses Problem taucht vor allem bei USA-Aufenthalten immer öfter auf: nach wie vor dem beliebtesten Land für ein Auslandsjahr. 28.000 bis 30.000 Austauschschüler sind Jahr für Jahr dort. Auch der 11. September 2001 hat diese Zahl nur vorübergehend dezimiert. Die Schüler aus Deutschland stellen mit rund 28 Prozent die größte Gruppe. Rund 50 Austauschorganisationen sind am deutschen Markt tätig. Austausch ist dabei ein irreführender Begriff, denn nur in wenigen Fällen findet ein Auslandsjahr auf der Basis von Gegenseitigkeit statt. Im Grunde handelt es sich um einen - in der Regel - einjährigen Auslandsaufenthalt. Halbjährige Aufenthalte sind nicht zu empfehlen, da sie nur unwesentlich weniger kosten. Gastschulaufenthalte werden in § 651 Buchstabe l BGB geregelt. Er sieht unter anderem vor, dass ein Gastschüler ohne Kosten vom Vertrag zurücktreten kann, wenn bis 14 Tage vor Abflug keine Gastfamilie bekannt ist.

Unterschiede zwischen den Ländern
In den USA erhalten die Gastfamilien und die Schulen kein Geld. Das macht das Auslandsjahr dort vergleichsweise günstig, er kostet rund 7000 Euro. Den größten Teil davon erhält die amerikanische Partnerorganisation der deutschen Veranstalter. Schüler haben keinen Einfluss auf die Gastfamilie, den Ort und den Schulplatz. Auch bei Aufenthalten in Südamerika und Südafrika kosten die Gastfamilie und die Schulplätze in der Regel kein Geld. Bei Kanada, Australien und Neuseeland handelt es sich um "Schulwahlländer", bei denen die Schule - und damit der Ort - gewählt werden kann. Aufenthalte dort kosten erheblich mehr, für Kanada muss mit durchschnittlich 19.000 Euro gerechnet werden. Der Verbraucherschutzorganisation ABI (Aktion Bildungsinformation) werden im Zusammenhang mit Gastschulaufenthalten in den USA die meisten Probleme gemeldet, aus den Schulwahlländern dagegen relativ wenige.

Die größten Probleme vor der Abreise
Etwa fünf Prozent der Gastschulaufenthalte werden für die betroffenen Schüler zum totalen Reinfall, so schätzt beispielsweise ABI, aber auch die Fachautorin Sylvia Schill. In erster Linie geht es dabei um Platzierungsprobleme, Spätplatzierungen und auch Absagen. Besonders ärgerlich sind die kurz vor dem geplanten Reisetermin. Für USA-Aufenthalte entscheidend ist das Datum 31.8., bis zu dem die Schülervisa beantragt sein müssen. Die Zahl der Visa nimmt ab, da die Organisationen Visa immer nur in der Anzahl erhalten, in der sie im Vorjahr Schüler platzieren konnten. Dies hängt mit der allgemein restriktiveren Einwanderungspolitik der USA seit 2001 zusammen. Ein Blick auf die Website der amerikanischen Partnerorganisation zeigt, ob sie Schüler aus vielen Ländern annimmt. Bei einer solchen Organisation ist die Möglichkeit, dass es zu Platzierungsproblemen kommt, größer. Diese hängen auch damit zusammen, dass immer mehr Mittelstandsfamilien - die traditionellen Gastfamilien - in wirtschaftliche Probleme geraten und sich die Aufnahme eines Gastschülers nicht mehr erlauben können. Schließlich sieht das zuständige US-Außenministerium seit einigen Jahren die Vorstrafenregister der Gastfamilien ein, um Sexualdelikten an Austauschschülern vorzubeugen. Dieser "criminal check" schreckt manche potentielle Gastfamilien ab.

Die größten Probleme "drüben"
Rund ein Viertel der Gastschüler wechselt während seines Aufenthaltes ein- oder mehrfach die Gastfamilie, zum Beispiel wenn die "Chemie" nicht stimmt, wenn die Gastfamilie umzieht, weil der Job weg bricht oder wenn es Familienprobleme, Ehekräche usw. gibt. Manche der erstgenannten Probleme sind darauf zurückzuführen, dass Schüler mit zu wenig Informationen und falschen Vorstellungen über das Gastland anreisen. In der Regel gelten Schüler, die in die USA reisen, als etwas schlechter vorbereitet als solche, die beispielsweise nach Kanada oder Australien gehen. Eltern und Schüler sollten bei der Auswahl des Veranstalters darauf achten, dass eine gründliche Vorauswahl noch in Deutschland und auch ein Vorbereitungsseminar im Zielland stattfinden. Schüler, die nicht geeignet sind, sollten abgelehnt bzw. auf ein anderes Programm verwiesen werden. Ein Kulturschock ist zwar unvermeidlich, er kann damit jedoch abgemildert werden. So können in den Vereinigten Staaten Alkoholkonsum oder Tätowierungen, beringte Fingern bei Jungen, nichtrasierte Beine bei Mädchen zu großen Probleme führen. Schüler sollten sich auch bewusst sein, dass viele amerikanische Familien religiös viel stärker verankert sind als deutsche. Manche interkulturellen Probleme können auch vermieden werden durch intensives Studium des ideologischen Hintergrunds der US-Partnerorganisation. Ein Integrationsproblem in den "Schulwahlländern", wo die Gastfamilien Geld erhalten (z.B. Kanada), kann auch sein, dass die Schüler vor allem als zahlende Gäste gesehen werden und wenig integriert werden.


Erster Ansprechpartner laut Reiserecht und auch nach den Richtlinien der Veranstalter sind immer die Bezirkskoordinatoren. Da Schüler jedoch vielfach in kleinen Dörfern oder Städten untergebracht sind und die Bezirkskoordinatoren lokal verwurzelt sind, rufen diese Bezirkskoordinatoren meist zunächst die Gastfamilie an, wenn ihnen Schüler von Problemen berichten. Die Gastfamilie ist dann oftmals verärgert. Austauschschüler, aber auch die Organisation ABI hat die Erfahrung gemacht, dass oftmals der Schüler der Buhmann ist. Ohne Zustimmung der deutschen Organisation darf allerdings ein Schüler nicht nach Hause geschickt werden. Um Austauschschüler, die im Gastland Probleme bekommen, kümmert sich die Organisation csfes.org.

Auswahlkriterien, Tipps
Ob eine Organisation kommerziell oder gemeinnützig ist, sagt überhaupt nichts aus über ihre Qualität. Auch die Tatsache, dass eine Organisation im Rahmen des Patenschaftsprogramms des Deutschen Bundestags Reisen organisiert - es werden Stipendien vergeben - sagt nichts über die Qualität oder Seriosität aus.

Manche Firmen haben unter derselben Adresse einen kommerziellen Zweig und einen e.V., wobei die Gemeinnützigkeit ein Werbeargument ist, das bei Verbrauchern erfahrungsgemäß zieht. Hat ein Schüler kein Glück bei der Stipendienvergabe gehabt, so bleibt er oft beim gewerblichen Zweig der Organisation "hängen". Empfehlenswert sind Websites wie schueleraustausch.de oder ausgetauscht.de mit Erfahrungsberichten. Sie geben auch Zugang zu Fachleuten, die nach vertrauenswürdigen Organisationen gefragt werden können. Der Ratgeber "Ein Schuljahr in den USA" von Sylvia Schill und Christian Gundlach enthält Checklisten; in dem Ratgeber "Schuljahres-Aufenthalte in USA" von ABI sind solche Organisationen, die die von ABI erarbeiteten Kriterien nicht erfüllen, gar nicht erst aufgenommen. Zu bevorzugen sind Organisationen mit u. a. den folgenden Merkmalen:

  • ausführliche Leistungsbeschreibung schon im Katalog bzw. Internet mit Endpreisen (oft kommt noch der Flug oder die Versicherung hinzu)
  • Geschäftsbedingungen müssen im Internet stehen
  • keine Einschränkungen wie Besuchs- und Telefonverbot für den Schüler
  • keine Forderung von mehr als 40 % Stornokosten bei Rücktritt vor Reisebeginn
  • Realitätsnahe Werbung ohne Verschleierung. Die Fachautorin Sylvia Schill hält eine Platzierungsgarantie, die ein Veranstalter abgibt, für unrealistisch
  • Kann man mit den Regeln der ausländischen Partnerorganisation leben, die im Konfliktfall möglicherweise gnadenlos angewendet werden?
  • Kein Rücktrittsrecht des Veranstalters
  • Absicherung des Veranstalters gegen Insolvenz mit einem aktuellen Sicherungsschein - dieser muss vor Zahlungen auf den Reisepreis ausgehändigt werden
  • Persönliches Auswahlgespräch mit dem Schüler, ggf. auch Ablehnung
  • Vorbereitungsseminar im Gastland
  • Rechtssitz in Deutschland (manche Organisationen sind nur Ableger von US-Veranstaltern, so dass US-Recht gilt)
  • Keine Klausel unterschreiben, wonach die Vertragspartner sich bei Problemen dem Spruch eines US-Schiedsgerichts statt der normalen Gerichtsbarkeit unterwerfen
  • Kopieren Sie beim Abschluss eines Vertrages sämtliche Seiten
  • Genaue Reisedaten in der Buchungsbestätigung und keine schwammigen wie "Juli, August" o. ä.
  • Abschluss einer Rechtsschutzversicherung. In manchen Fällen klappt die Einschaltung eines Anwalts in den USA

Aktion Bildungsinformation e.V.
Lange Straße 51
70174 Stuttgart
Tel. 0711 - 220 216 - 30


Christian Gundlach, Sylvia Schill: "Ein Schuljahr in den USA", 9. Auflage, 14,90 Euro, zu bestellen u. a. über das Forum schüleraustausch (s.u.)

In den USA kümmert sich das Committee for Safety of Foreign Exchange Students http://www.csfes.org/

um Austauschschüler, die im Gastland Probleme haben.

Mehr zum Thema:

Aktion Bildungsinformation e.V. [abi-ev.de]

Schueleraustausch [schueleraustausch.de]

Ausgetauscht [ausgetauscht.de]

Aktualisiert: 17. Februar 2010 LO